Weiße Innenräume: eine zeitlose Farbe durchzieht die Geschichte des Designs

Der Wunsch nach weiß gestalteten Innenräumen ist beileibe nicht neu. Aber erst mit Einführung von Titandioxid als Farbzusatz im 20. Jahrhundert ließen sich brilliantweiße Innenraumgestaltungen gefahrlos realisieren.

 
Dank ihres zeitlosen Chics und ihrer nahezu endlosen Kombinierbarkeit erfreuten sich weiße Innenräume schon immer größter Beliebtheit. Sie sind Bestandteil klassischer Raumgestaltung ebenso wie moderner Architektur und finden auch im skandinavischen Minimalismus Verwendung.

Allerdings war es bis zum vorigen Jahrhundert sehr aufwändig, weiße Pigmente herzustellen. Entsprechend sparsam setzte man sie daher ein.

Kassia St Clair, Farbexpertin der britischen Zeitschrift Elle Decoration und Autorin des Buches Die Welt der Farben, vermittelt uns einen Einblick in die Geschichte: „Die erste komplett weiße Raumgestaltung haben wir der Innenarchitektin Syrie Maugham zu verdanken, die 1927 für einen Kunden aus dem Londoner Bezirk Chelsea ein weißes Musikzimmer schuf. Damals, vor knapp einem Jahrhundert, war das durchaus revolutionär. Heute begegnen wir weißen Räumen so häufig, dass wir dieses Konzept laufend neu erfinden müssen.“


 

Auf der Suche nach dem perfekten Weiß

Bereits im Alten Rom stand die Farbe Weiß hoch im Kurs. So beschreibt Plinius der Ältere den mühsamen, geruchsintensiven und gefährlichen Prozess, mithilfe von Essig und Kuhdung eine Bleiverbindung herzustellen. Der so erzeugte weiße Block wurde anschließend zu Pulver vermahlen, aus dem sich eine Farbe mit einem wundervoll sanften Finish herstellen ließ. Die hatte allerdings einen gravierenden Nachteil: Sie war hochgradig toxisch.

Bis ins 19. Jahrhundert basierten alle weißen Farben in Europa auf Blei, bis dann schließlich deren Herstellung eingeschränkt wurde. Heute sind solche Farben nahezu überall verboten.

Zur Zeit von Queen Victoria gab es noch keine strahlend weiße Farbe. Am nächsten kamen dem noch Cremefarben oder gebrochene Weißtöne, die mit Kreide, Blei oder Kalk hergestellt wurden. Diese Farbtöne werden auch heute gerne zur Gestaltung historischer Gebäude genutzt.

Dazu Chrissie Rucker, Gründerin des Unternehmens The White Company: „Warme Weißtöne sind einem kalten, blaustichigen Weiß vorzuziehen. Elfenbein, Alabaster, Kalk … es werden heute zahllose warme Weißvarianten angeboten.“

Um einen wirklich klassischen Look zu erzeugen, nutzt der Farben- und Tapetenhersteller Farrow & Ball für seine „Traditional Neutral“ – Farbpalette graue Untertöne. So kann er das klassische Bleiweiß perfekt nachempfinden – ohne die tödlichen Nebeneffekte.
 

Wirklich weißer Innenräume

Wirklich weiße Innenräume lassen sich noch nicht allzu lange realisieren. Denn erst seit den 1940er Jahren, als Titandioxid erstmals als Pigment genutzt wurde, ließ sich ein dauerhaftes, leuchtendes Weiß erzeugen. Das wiederum löste bei der Innenraumgestaltung eine Revolution aus.

Das auch unter dem Namen „perfektes Weiß“ oder „weißestes Weiß“ bekannte Titandioxid ist ein Pigment, das sichtbares Licht streuen kann, was einen opaken und zugleich strahlenden Effekt erzielt. Auf diese Weise lassen sich bei der Fertigung von Farben, Textilien und Tapeten hochwertige Weißtöne realisieren.

Finden Sie den richtigen Stil für sich! Chrissie Rucker erläutert: „Wir sind der Ansicht, dass die wahre Schönheit der Farbe Weiß darin liegt, dass es im Leben jedes einzelnen einen Platz für sie gibt – ganz gleich, wer wir sind, welchen Stil wir bevorzugen oder woher wir stammen.“

In den 1930er Jahren waren im mondänen Hollywood luxuriöse weiße Sofas und Teppiche in Kombination mit verspiegeltem Mobiliar der letzte Schrei. Später waren hochglänzende, helle Weißtöne für die von der Pop-Art inspirierten Interieurs der 1960er Jahre unverzichtbar. Eine moderne Interpretation von Gestaltungsansätzen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts nutzt einen komplett weißen Hintergrund, um die mit ihm kombinierten Farben besonders dramatisch in Szene zu setzen.


 

Die neuesten Weißtrends

Skandinavische Raumkonzepte sind der bedeutendste Einzeltrend der letzten Jahre. Sie maximieren Licht und Raum mit einer neutralen, reduzierten Palette kühler Weißtöne, hellem Holz und minimalistischer Möblierung.

Wenn es aber darum geht, der klassischen, komplett weißen Gestaltung eine glamouröse moderne Note zu verleihen, sind zweifellos die Franzosen führend, wie die Arbeiten der Innenarchitekten Maison Hand, Jean-Louis Deniot oder Joseph Dirand eindrucksvoll belegen.

Der neueste Trend bei weißen Einrichtungen ist ein struktureller, mehrschichtiger Look: zottelige marokkanische Teppiche, grob gestrickte Decken, Leinensofas und markante Kunst können zusammen den perfekten Ort zum Entspannen ergeben.

Weiß funktioniert dabei für Minimalisten ebenso gut wie für Maximalisten. Mit dieser Farbe lässt sich ein perfektes Design-Understatement erzielen, oder man nutzt sie als Leinwand, vor der man eine Kollektion liebgewonnener Möbel und Kunstwerke in Szene setzen kann.

Zwar mögen sich für Kassia St Clair Zeiten und Geschmäcker geändert haben, „aber das Geheimnis hinter der Gestaltung eines attraktiven, rein weißen Raums ist nach wie vor dasselbe: strukturierte Mehrschichtoptik, gute Beleuchtung – und bitte kein Rotwein, keine Kinder und keine Haustiere.“